
Bücher über ADHS gibt es in den letzten Jahren viele. Dieses hier ist anders.
Meist sind die Bücher entweder Berichte von Menschen mit ADHS, eine Prise wissenschaftlicher Einordnung und viel persönliche Erzählung. Oder es sind Fachbücher für Mediziner*innen, Eltern oder Schulbegleitung für Kinder und Jugendliche, die über Menschen mit ADHS sprechen und deren Fokus darauf liegt, wie damit umzugehen ist.
Theo Parker mischt all diese Dinge und streut noch eine Prise kritische Reflexion dazwischen.
Das finde ich beim Lesen super angenehm und spannend!
Theo Parker ist selbst Diplompsychologe, arbeitet als freier Journalist und hat selbst ADHS.
Er schreibt über Psychologie und Hirnforschung, kennt sich aber auch in der Praxis aus, weil er z.B. in einer forensischen Psychiatrie gearbeitet hat. Er ist also in vielerlei Hinsicht vom Fach.
In seinem Buch schaut er sich einerseits an, was genau ADHS eigentlich ist und wie es medizinisch-wissenschaftlich Kategorisiert wird. Das ist ähnlich, wie in all den anderen Bücher. Er geht dann einen Schritt weiter und schaut kritisch auf genau diese Diagnostik. Welche Chancen aber auch Schwächen der Prozess der Diagnose-Findung hat. Was hilfreich sein kann für Menschen mit ADHS, wo eine Diagnose also Helfen kann. Aber auch wo die Einordnung als Krankheit – also die Pathologisierung „normaler“ menschlicher Eigenschaften und Variationen – dringend auch kritisch betrachtet werden muss.
Besonders gedankenanregend fand ich, kritisch auf die kapitalistische Verwertungslogik zu schauen. Also zum Beispiel, wie wir in der Arbeitswelt funktionieren müssen und was dann bei Menschen mit ADHS zum Problem wird. Das sich in einem immer weiter verdichtenden Arbeitsalltag (im Büro beispielsweise), Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwächen belastend sind. Und zwar eigentlich nicht nur für Menschen mit ADHS, aber dort besonders. Und eine Frage eben ist, ob nicht der Anstieg der Diagnosen auch damit zu tun hat, dass die Anforderungen im Arbeitsleben sich verändert haben und heute schneller auffällt, wenn jemand nicht mitkommt, wo früher möglich war, „unterm Radar mitzulaufen“. ADHS war schon immer da, es ist nur heute problematischer, weil die Arbeitswelt sich verändert hat und fällt mehr auf. Das ist zumindest eine These, die ich vom Lesen mitgenommen habe.
Das Buch lässt leicht zu, von Thema zu Thema zu hüpfen und mal hier und mal dort weiterzulesen. Mittendrin sind 4 Interviews von Personen mit ADHS, die aus ihrem Alltag berichten. Ich finde immer schön, mich in solchen Einblicken wieder zu finden und zu schauen, wie andere Menschen mit ihren Herausforderungen umgehen.
Insgesamt also wirklich eine große Leseempfehlung!
Das Buch gibt es überall im Handel. Hier auf der Seite zum Beispiel auch mit einer Leseprobe.
Und hier ist noch seine eigene Webseite theoparker.de
